Wie steril wollen oder sollen Ameisen gehalten werden?

  • Heyho,

    neuer Tag, neue Frage. 😊 Im Internet (YouTube und auch hier im Forum) bin ich schon häufiger auf unterschiedliche Aussagen zum Thema Sterilisieren gestoßen. Einerseits gibt es Anleitungen, die dazu raten, Gartenerde vor der Verwendung im Nest oder Formicarium im Backofen zu sterilisieren, um Krankheitserreger abzutöten. Alternativ wird oft empfohlen, fertige Lehm-Sand-Mischungen zu verwenden, die vermutlich ebenfalls steril sind.

    Andererseits gibt es aber auch Halter, die bewusst Erde aus dem Garten ins Reagenzglas oder Formicarium geben, weil sie die darin enthaltenen nützlichen Mikroorganismen erhalten möchten. Ähnliches habe ich auch beim Thema Futterinsekten gelesen: Manche empfehlen, gefangene Insekten vor dem Verfüttern zu überbrühen, um Krankheiten vorzubeugen, während andere sie (halb)lebend verfüttern.

    Von außen betrachtet erscheinen mir beide Sichtweisen nachvollziehbar. Ameisen sind schließlich Wildtiere und Teil eines Ökosystems, zu dem auch Mikroorganismen gehören – vielleicht sind manche davon sogar wichtig oder notwendig. Andererseits leben Ameisen im Formicarium unter anderen Bedingungen als in der Natur. Vielleicht sind sie dort anfälliger für Krankheitserreger, oder die Sterblichkeitsrate in freier Wildbahn ist ohnehin deutlich höher und man möchte seinen Tieren eine möglichst sichere Umgebung bieten.

    Was sind eure Meinungen und Erfahrungen dazu?

  • Sicher ist sicher. Mit Parasiten hat man in der Haltung schnell Probleme bis hin zum Versterben der Kolonie. Bodengrund zu behandeln ist sicherer, ehe man sich unerwünschte Bewohner einfängt, die der Kolonie schaden.

    Und so ist das auch bei Futtertieren. Kann etliche Male gut gehen und dann hat man doch das Problem die Parasiten wieder los zu werden. Man beobachtet auch Kolonien für die es das Ende ist. Ich setze daher auf behandelten Bodengrund und auch Futtertiere. Die kann man super auf Vorrat einfrieren, tötet Parasiten ab.

  • Hi EnnaKatinka

    Berechtigte Frage. Grundsätzlich muss man aber immer zwischen den Interessen der Ameisen und deren Haltern differenzieren.

    Da draußen kommen Ameisen regelmäßig und eigentlich ständig mit div. Problemstoffen und anderen Organismen in Kontakt - so wie jedes Lebewesen.

    Aber es gibt eben auch den Unterschied: Da draußen fällt nicht auf, wenn eine Kolonie stirbt - mir als Halter aber schon.


    Warum wird sterilisiert: Halter haben z.B. Angst, sich Milben einzuschleppen. Nicht ganz unberechtigt - ich hatte selbst mal extreme Vermehrung bei eingeschleppten "Futtermilben". Die gehen zwar die Ameisen und Brut nicht an, wenn aber in deinem kleinen Becken - ungelogen - vermutlich mehrere 100.000 Milben herumrennen, fast wie eine Art Teppich, ist das einfach unschön und nicht akzeptabel.

    Ganz vermeiden sollte man die Einschleppung parasitärer Milben. Das Risiko hat man v.a. bei der Fütterung von gekauften Insekten aus dem Zoohandel, weniger bei Wildfängen. Die dort angewendete Massentierhaltung (ja, die gibt´s auch bei Insektenvermehrung) fördert die Verbreitung von Parasiten immens, weil die Wirte leicht zugänglich sind und die extrem enge Haltung die Verbreitung immens fördert. Endoparasiten sind auch ein Thema.

    Wegen Krankheitserregern würde ich mir hingegen eher wenig Sorgen machen. Ameisen produzieren selbst antiseptische Substanzen, die sie ziemlich robust gegen Bakterien machen. Man kann sich zwar vorstellen, dass exotische Arten (mit an ihr Habitat angepasstem Immunsystem) ggf. mit hier heimischen Erregern nicht gut klar kommen - aber das Thema ist spekulativ. Wenn Kolonien "ohne Grund" sterben, liegen häufig unentdeckte Haltungsfehler dahinter, nicht vermutete Krankheitserreger.


    Generell gilt: Überbrühen (teils auch Einfrieren) von Futterinsekten beseitigt Probleme mit Exo- und Endoparasiten ziemlich zuverlässig. Das ist aber nicht bei allen Arten anwendbar (manche nehmen nur Lebendfutter).

    Das Problem bei Schimmel und Viren/Bakterien ist hingegen: Die befinden sich massig in der Luft, überall. Spätestens durch den Eintrag organischer Stoffe über das Futter, sowie auch den Kot der Ameisen, sind Brutstätten vorhanden. Feuchte Haltung begünstigt natürlich die Schimmelbildung immens. Ob Schimmel im Becken zu Gesundheitsproblem wird, ist sehr unterschiedlich. Teils ist das Problem wohl eher optischer Natur. Punktuellen Schimmel wird man oft irgendwann haben und das ist auch meist kein Problem für die Ameisen. Wenn dir aber ein Nest z.B. mit Schimmel geradezu sichtbar (Pelz-/Fädenbildung) durchwuchert, gerade in der Nähe der Brut, ist das im Grunde inakzeptabel.


    Kurz gesagt: Du kannst das sterilste Becken haben und die Ameisen nur auf Glas halten - es kann trotzdem schnell schimmeln, punktuell, bei Nahrung und Kot.

    Pflanzen wären so gedacht ohnehin nicht möglich, weil man die ja nicht steiriliseren kann.

    Unbehandelte Substrate degradieren im Becken aber ebenfalls schnell - die vielen tollen Kleintiere und Mikroorganismen, die du ggf. in ein Becken einbringst, werden seltenst dauerhaft zu finden sein, weil du die Natur einfach nicht simulieren kannst. Der ganze Neueintrag von Stoffen, Durchmischung des Bodens - im Grunde der Kreislauf des Lebens - ist in einem Formicarium schlicht nicht darstellbar. Sprich: Ein nennen wir es "Naturbecken" verarmt mit der Zeit auch. Es gibt viele Halter, die ein "Vivarium" geplant haben, ich habe noch wenig bis nichts gesehen, das sich dauerhaft aufrecht erhalten lässt.

    Die über allem stehende Frage ist dann auch: Was ist artgerechter und ggf. auch für den Halter ansehnlicher und handlebar? Die Ameisen steril zu halten auf ein wenig abgebackenen Sand mit 3 Steinen, 2 Ästchen und einer Plastikpflanze? Da wird man wenige Probleme mit Schimmel o.Ä. haben, aber es ist halt auch optisch irgendwie steril. Oder man will ein Becken betreiben, das die natürliche Umgebung der Ameisen halbwegs simuliert? Persönlich würde ich zu letzterem gehen - macht aber mehr Arbeit und man muss aus genannten Gründen auch regelmäßig eingreifen. Futter würde ich nach Möglichkeit immer Überbrühen.

    Als Abschlusssatz wage ich zu behaupten, dass die Sterblichkeitsrate (nach Gründung!) in der Haltung wesentlich höher ist, als draußen. Grund sind schlechte Vorbereitung, grobe Haltungsfehler und später oft auch mangelndes Interesse. Du weißt nicht, wie oft wir sowas zu lesen bekommen "Ich habe die Ameisen heute bekommen. Was mache ich jetzt?". Die meisten Völker schaffen daher nur wenige Monate bis Jahre in der Haltung. Natürlich gibt´s dazu keine Erhebungen, aber doch viele, sehr viele Erfahrungen.

    Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.

    Edited once, last by ice_trey (July 7, 2026 at 3:13 PM).

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