Nachdem ich hier bereits meine Lasius emarginatus vorgestellt habe, möchte ich noch eine etwas ungewöhnlichere Haltungsidee zur Diskussion stellen.
Crematogaster scutellaris finde ich ausgesprochen interessant. Gleichzeitig habe ich einigen Respekt vor dem enormen Wachstum einer gut laufenden Kolonie. Beim Lesen verschiedener Haltungsberichte ist mir zudem aufgefallen, dass erstaunlich viele Berichte über C. scutellaris nach ungefähr einem Jahr abbrechen. Das bedeutet natürlich nicht, dass auch die jeweilige Haltung beendet wurde. Über Gründung und schnelles Wachstum findet man aber sehr viel, über den Alltag mit einer mehrere Jahre alten und entsprechend großen Kolonie deutlich weniger.
Daher kam mir die Idee, zunächst einen völlig anderen Weg zu gehen:
Eine weisellose Gruppe aus etwa 100–200 C. scutellaris-Arbeiterinnen, gewissermaßen als künstliches Satellitennest ohne Königin.
Die Tiere sollen ein eingerichtetes Becken mit Wurzel, Kletterholz und Stein bekommen. Zusätzlich möchte ich ihnen geeignetes weicheres Holz und Kork als Baumaterial anbieten. Ein fertiges Nest möchte ich bewusst nicht vorgeben. Gerade interessant fände ich, ob und wo sie selbst einen Nestbereich anlegen und möglicherweise ein Kartonnest bauen. Eines der Reagenzgläser, in denen die Arbeiterinnen ankommen sollen, würde zunächst abgedunkelt als Rückzugsmöglichkeit im Becken verbleiben.
Wasser und Honig bzw. eine andere Kohlenhydratquelle wären selbstverständlich ständig verfügbar.
Der starke Proteinbedarf einer wachsenden Kolonie sollte ohne Königin und Arbeiterinnenbrut weitgehend entfallen. Protein würde aber keinesfalls grundsätzlich verweigert. Sollte sich am Verhalten der Arbeiterinnen entsprechender Bedarf zeigen oder Brut auftreten, würde natürlich entsprechend gefüttert.
Damit komme ich zu den Punkten, bei denen das Experiment interessant wird:
1. Die Gruppe kann sich nicht selbst erhalten
Ohne Königin entstehen keine neuen Arbeiterinnen. Die Gruppe würde daher durch die begrenzte Lebensdauer der vorhandenen Tiere nach und nach kleiner und ohne Eingriff letztlich aussterben.
Die langfristige Idee wäre deshalb, einen Halter mit einer größeren C. scutellaris-Kolonie zu finden, der diese Kolonie dauerhaft hält und gelegentlich Arbeiterinnen abgeben könnte. Nachgesetzt würden dabei immer Arbeiterinnen aus derselben Ursprungskolonie, nicht Tiere verschiedener Kolonien.
Es ginge ausdrücklich nicht darum, den Bestand immer weiter zu vergrößern, sondern eine überschaubare Gruppe zu erhalten. Vor einer längeren Zeit, in der wegen niedriger Temperaturen kein sinnvoller Versand möglich ist, könnte man den Bestand entsprechend etwas stärker auffüllen.
2. Was machen Crematogaster-Arbeiterinnen bei längerer Weisellosigkeit?
Das ist für mich die biologisch spannendste Frage.
Bei Ameisen können weisellose Arbeiterinnen je nach Art unbefruchtete Eier legen, aus denen sich Männchen entwickeln können. Ob und in welchem Umfang das bei C. scutellaris tatsächlich geschieht, konnte ich bisher nicht klären.
Sollten die Arbeiterinnen Eier legen und daraus Larven aufziehen, wäre natürlich zeitweise wieder Protein erforderlich. Später hätte man gegebenenfalls geflügelte Männchen im Becken.
Hat jemand von euch schon einmal eine größere Gruppe C. scutellaris-Arbeiterinnen über längere Zeit ohne Königin gehalten? Kam es dabei zur Eiablage? Wurden tatsächlich Männchen aufgezogen?
3. Ist die dauerhafte Weisellosigkeit für die Arbeiterinnen problematisch?
Das ist für mich ebenfalls eine wichtige Frage.
Mir geht es gerade nicht darum, eine vollständige Kolonie durch Proteinrationierung künstlich kleinzuhalten. Die vorhandenen Arbeiterinnen sollen Wasser, Kohlenhydrate und bei erkennbarem Bedarf auch Protein bekommen und ihr normales Arbeiterinnenverhalten ausleben können.
Ich sehe bislang keinen konkreten Grund, warum das Fehlen einer Königin für die Arbeiterinnen selbst problematisch sein sollte. Falls es dazu aber praktische Erfahrungen oder Erkenntnisse gibt, interessieren mich diese ausdrücklich.
4. Versand einer größeren Arbeiterinnengruppe
Auch das dürfte etwas ungewöhnlich sein. 100–200 Arbeiterinnen würde ich nicht in ein einzelnes Reagenzglas setzen lassen, sondern beispielsweise auf mehrere Röhrchen mit jeweils etwa 30–40 Tieren verteilen.
Gerade bei Crematogaster frage ich mich allerdings, wie eine solche Gruppe auf die unvermeidlichen Erschütterungen beim Transport reagiert. Wenn viele Tiere gleichzeitig in Alarmbereitschaft geraten und Wehrsekret abgeben, könnte eine hohe Besatzdichte in einem Reagenzglas möglicherweise problematisch werden.
Auch hierzu würden mich praktische Erfahrungen interessieren: Hat jemand schon einmal größere Gruppen von C. scutellaris-Arbeiterinnen verschickt? Wie viele Tiere würdet ihr maximal gemeinsam in einem Reagenzglas transportieren und reicht ein normaler Wattestopfen für den Luftaustausch?
Meine Hauptfragen wären also:
- Hat jemand praktische Erfahrungen mit länger weisellosen C. scutellaris-Gruppen?
- Legen die Arbeiterinnen dann Eier und werden daraus tatsächlich Männchen aufgezogen?
- Gibt es aus Sicht des Tierwohls einen konkreten Einwand gegen eine solche Haltung?
- Wie würdet ihr 100–200 Arbeiterinnen möglichst sicher transportieren?
- Und gibt es hier vielleicht sogar Halter einer größeren, langfristig bestehenden C. scutellaris-Kolonie, die sich grundsätzlich vorstellen könnten, gelegentlich Arbeiterinnen für ein solches Projekt abzugeben?
Mir ist klar, dass das nicht der übliche Zweck einer Ameisenhaltung ist. Gerade deshalb interessiert mich, ob gegen das Konzept konkrete biologische oder praktische Gründe sprechen oder ob es in erster Linie einfach eine ungewöhnliche Form der Haltung wäre.